27.07.2010
Jahreshauptversammlung 2010
Michael Steindorfner: Stolze Erfolgsbilanz vorgelegt - doch das Rote Kreuz im Kreis Böblingen drücken auch schwere Sorgen
"Die Menschen stehen im Mittelpunkt unseres gesamten Handelns". Darauf hat der Vorsitzende des DRK-Kreisverbandes Böblingen, Michael Steindorfner (Renningen), bei der Jahreshauptversammlung in Waldenbuch hingewiesen. Vor den Delegierten der 25 Ortsvereine des Kreisverbandes Böblingen erinnerte Michael Steindorfner in diesem Zusammenhang an Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes, der vor über 150 Jahren sich nicht umgedreht und weggeschaut habe, als ihm unglaubliches menschliches Elend und Leid auf dem Schlachtfeld von Solferino begegnete. "Er nahm nicht Reißaus vor den nach Hilfe suchenden Menschen, er ging nicht zur Tagesordnung über angesichts der unzähligen Hilferufe, die an sein Ohr drangen. All dies machte er nicht. Nein: Er krempelte vielmehr die Ärmel hoch, er packte an, er organisierte Hilfe, spendete Trost und Zuwendung. Er legte so den Grundstein für die heute größte Hilfsorganisation der Welt: Der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung". Der DRK-Kreisverband Böblingen sei ein wichtiger Teil dieser Rotkreuz-Bewegung und die Motive, die Henri Dunant damals zum Handeln bewegt hätten, seien genau die gleichen Motive, "die uns heute auch veranlassen, Menschen in Not zur Seite zu stehen." In diesem Sinne dürfe der DRK-Kreisverband Böblingen auf ein erfolgreiches Jahr zurück blicken.
"Finanzstruktur kann sich sehen lassen"
Daß der DRK-Kreisverband Böblingen finanziell auf solider Grundlage steht, machte Schatzmeister Wolfgang Frank (Sindelfingen) in seinem Bericht deutlich: Er sprach von einer gesunden Finanzstruktur, die sich sehen lassen könne. Dank einer umsichtigen Geschäftspolitik sei das Jahr 2009 trotz der einschneidenden Finanz- und Wirtschaftskrise, der Staatsverschuldung sowie weiterer Unwägbarkeiten zufriedenstellend verlaufen. Auch die bisherigen Zahlen des Jahres 2010 würden an diese gute Entwicklung anknüpfen. Was Kassenprüfer Wolfgang Heim (Weil im Schönbuch) auch im Namen seines Kollegen Gerhard Weißenböck (Grafenau) ausdrücklich bescheinigte, so daß der als Ehrengast anwesende Präsident des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg, Staatssekretär a.D. Dr. Lorenz Menz mit herzlichen Worten des Dankes und der Anerkennung die Entlastung des Schatzmeisters und der Vorstandschaft vornehmen konnte, die von den Delegierten einstimmig erteilt wurde.
Droht Zivildienst der Todesstoß?
Michael Steindorfner sagte in seinem Rechenschaftsbericht, ohne die vielen engagierten Helferinnen und Helfer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Förderer und Freunde hätte man keine derart "stolze Erfolgsbilanz" vorlegen können. Dennoch gibt es auch erhebliche Sorgen im DRK-Kreisverband Böblingen. So appellierte Steindorfner an die Vertreter der politischen Parteien, das Rote Kreuz bei der angedachten Verkürzung oder gar Abschaffung der Wehrpflicht nicht hängen zu lassen. "Mit der bisher angestrebten Lösung droht dem Zivildienst der Todesstoß - mit unübersehbaren Folgen auch für uns im Roten Kreuz hier im Kreis Böblingen", redete der DRK-Kreisvorsitzende Klartext. Neben gravierenden gesellschaftspolitischen Nachteilen sei auch den jungen Zivildienstleistenden nicht gedient, die in ihrer Tätigkeit eine sehr sinnstiftende Aufgabe für ihr künftiges Leben gesehen und gefunden hätten. Doch die wirklich Leidtragenden der geplanten Neuregelung seien wieder einmal die Schwachen in unserer Gesellschaft. Eine solche Entwicklung, die dauerhaft spürbare Schäden in der Gesellschaft anrichte, könne niemand ernstlich wollen.
Vorbildliches Rettungsnetz gespannt
Auf den Rettungsdienst zu sprechen kommend, wies Steindorfner darauf hin, daß im vergangenen Jahr bei über 21 400 Einsätzen im Rettungswagen und 6 800 Einsätzen der Notärzte fast eine Million Kilometer zurückgelegt wurden. "Eine unglaubliche Leistung", konstatierte der DRK-Kreisvorsitzende. Größte Sorgen bereite jedoch die finanzielle Ausstattung des Rettungsdienstes. Mit den Kostenträgern sei eine Vereinbarung getroffen worden, die nicht alle berechtigten, weil belegbaren, Forderungen erfülle, das Rote Kreuz im Kreis aber in die Lage versetze, weiter arbeiten zu können. Seine Hoffnungen setze er deshalb in die laufenden Verhandlungen. Michael Steindorfner erinnerte daran, daß durch den Neubau der beiden Rettungswachen in Renningen und Rutesheim das Leistungsniveau weiter optimiert werden konnte - zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger des Landkreises Böblingen, "die sich damit auf die schnelle und wirkungsvolle Hilfe des Roten Kreuzes in Notfällen weiterhin verlassen können." Neben Renningen und Leonberg unterhalte das DRK auch in Herrenberg und Sindelfingen Rettungswachen. Zusammen mit der integrierten Leitstelle in Böblingen, die zusammen mit der Feuerwehr betrieben werde, und in der alle Notfallmeldungen einlaufen und entsprechend organisatorisch koordiniert werden, habe das Rote Kreuz ein dichtes und in jeder Beziehung vorbildliches Rettungsnetz über den Kreis Böblingen gespannt.
Existenz der Möbelhalle extrem gefährdet
Mit Sorgen blickt der DRK-Kreisverband auch auf die weitere Entwicklung der Möbelhalle in Böblingen, die seit über 20 Jahren besteht. Steindorfner verwies darauf, daß hier seit vielen Jahren eine wichtige soziale und gesellschaftspolitische Arbeit geleistet werde, die beachtliche Erfolge vorzuweisen habe und in die das Rote Kreuz erhebliche Eigenmittel gesteckt habe. Der Erfolg der Möbelhalle drohe nun durch massive Kürzungen bei der Zuweisung der Langzeitarbeitslosen zunichte gemacht zu werden. Die Reduzierung von 30 auf 16 Plätze bedeute nahezu die Halbierung des Projekts, einhergehend mit der damit verbundenen weiteren Reduzierung der Zuschüsse für Anleitungs- und Betreuungskräfte. Steindorfner sieht die Einrichtung, die in ihrer Art einzigartig in der Bundesrepublik sei, durch die schon eingetretene massive Deckungslücke in ernsthafter Gefahr. "Wir werden nur überlebensfähig sein, wenn wir entsprechende staatliche Hilfe durch die Jobagenturen bekommen. Sollten diese Mittel nun gekürzt bleiben oder künftig ganz ausbleiben, sehe ich die weitere Existenz der Möbelhalle extrem gefährdet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die zuständigen Stellen in Politik und Verwaltung dies wirklich wollen", beschrieb mit deutlichen Worten der DRK-Kreisvorsitzende den Ernst der Situation und verband dies mit einem Appell an alle staatlichen Stellen und Behörden, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Die Folgen wären ansonsten verheerend. Das gelte besonders für die betroffenen Menschen, denen man jegliche berufliche Chance nehmen würde, "übrigens mit erheblichen Mehrkosten für den Staat und damit auch den Steuerzahler." Im Herbst werde über die Zukunft der Möbelhalle entschieden und er hoffe sehr, daß man diese Einrichtung nicht schliessen müsse, sondern gemeinsam eine halbwegs erträgliche Lösung gefunden werden könne.
Etwas Hoffnung machte dabei in einem späteren Grußwort der Sozialdezernent des Kreises Böblingen, Alfred Schmid. Vielleicht bestehe die Möglichkeit, bei einigen Projekten die Förderung von Nürnberg in den Kreis Böblingen zu bekommen, meinte er vorsichtig optimistisch.
Eine sehr gute Botschaft
Sehr viel Erfreuliches hatte Michael Steindorfner über die DRK-Altenpflegeheime im Kreis Böblingen zu berichten. Mit zehn Heimen sei man nicht nur grösster Träger im Kreis - das Elfte ist derzeit im Malmsheim im Bau -, sondern erfülle zugleich höchste Qualitätsansprüche in allen Bereichen. Aktuell werden rund 570 vollstationäre Pflegeplätze angeboten. Knapp 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 160 Ehrenamtliche verrichteten mit großem inneren Engagement, viel Zuneigung und Liebe in beispielhafter Art und Weise ihren Dienst. Seit Jahren schon habe sich der DRK-Kreisverband freiwillig einer regelmässigen strengen Prüfung seiner Heime durch ein anerkanntes unabhängiges Institut unterzogen wie neuerdings auf Grund gesetzlicher Regelungen zusätzlich noch durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Alle seitherigen absoluten Spitzenergebnisse seien dabei vollauf bestätigt worden, erklärte der DRK-Kreisvorsitzende mit berechtigtem Stolz. "Das ist eine gute, ja sehr gute Botschaft."
"Aus Liebe zum Menschen"
Vorbildliche Arbeit leisteten ferner die breit aufgestellten sozialen Dienste des DRK-Kreisverbandes Böblingen. Mit dem gesamten Hilfs- und Serviceangebot decke man alle Lebenssituationen ab und das DRK sei auch auf diesem Gebiet ein verlässlicher Partner in allen Wechselfällen des Lebens. Unglaublich viele Ehrenamtliche engagierten sich ferner in den Ortsvereinen des Kreisverbandes. Beispielsweise in Kleider- und Tafelläden, zwölf stationären Mittagstischen, Besuchsdiensten, Bewegungsprogrammen, Rollstuhlgruppen, Betreuungsgruppen von demenzkranken Menschen und deren Angehörigen, Kontaktgruppen für Tumorkranke und vielem anderen mehr. "Was hier im Ehrenamt geleistet wird, ist einfach bewundernswert", lobte Michael Steindorfner. Er erwähnte in dieser eindrucksvollen Bilanz nicht zuletzt die Breitenausbildung, die allgemeine Rotkreuzarbeit und den Katastrophenschutz. Michael Steindorfner sagte abschliessend, der DRK-Kreisverband Böblingen stelle sich gut gerüstet und hochmotiviert den Erfordernissen der Zeit. Getreu dem Leitspruch des Roten Kreuzes: "Aus Liebe zum Menschen." Dieser Satz trage und beflügele die gesamte Arbeit.
Partnerschaft mit Litauen ausgebaut
DRK-Kreisgeschäftsführer Wolfgang Breidbach wies im Bericht über die vier Tochtergesellschaften des DRK-Kreisverbandes Böblingen darauf hin, daß dort 658 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt seien, die einen Umsatz von rund 30 Millionen Euro erwirtschafteten. Er warb nachdrücklich dafür, die wichtige Arbeit der DRK-Möbelhalle in Böblingen auch durch ehrenamtliche Tätigkeit zu unterstützen.
Die seit langem bestehende Partnerschaft mit Litauen bezeichnete Breidbach als erforderlich und erwünscht. Gerade in der Fläche würdigen die dortigen sozialen Einrichtungen in dramatischer Art und Weise unter der Finanzkrise leiden. Er begrüsste es, daß sich der DRK-Kreisverband Reutlingen seit kurzem ebenfalls in Form einer Partnerschaft in Litauen engagiere und es im DRK-Landesverband auf Grund dieser gesamten Aktivitäten Überlegungen gebe, die Zuständigkeit für Litauen und das Baltikum zu übernehmen.
Beispielhafte Tätigkeitspalette
Auf die umfangreiche Tätigkeit der Bereitschaften, der Sozialarbeit und des Jugendrotkreuzes ging Kreisbereitschaftsleiter Rainer Kegreiss (Herrenberg) detailliert ein. Die 27 Bereitschaften hätten bei zahlreichen Anlässen ihren guten Ausbildungs- und Ausrüstungsstand unter Beweis gestellt. Der DRK-Kreisbereitschaftsleiter zählte eine Fülle von Veranstaltungen auf, zu denen beispielsweise auch nahezu 1400 Einsätze der Helfer-vor-Ort-Gruppen gehörten. Diese Guppen hätten sich inzwischen in der Rettungskette etabliert. Bei den 79 Blutspendeaktionen des vergangenen Jahres seien kreisweit etwa 13 000 Blutkonserven gesammelt worden.
Kegreiss machte auch auf ein brennendes Problem aufmerksam: "Dass Ehrenamtliche ihren Arbeitsplatz zum Einsatz verlassen können, gehört heute zu den Ausnahmen. Hier wünschen wir uns die konsequente Unterstützung von Politik und Wirtschaft. Denn Einsatzgruppen müssen immer präsent sein und nicht nur in der Freizeit der Einsatzkräfte. Schadensfälle warten nämlich nicht darauf, bis es in den Tagesablauf passt."
Armut bei Jüngeren nimmt zu
Auf die Sozialarbeit zu sprechen kommend, unterstrich der Kreisbereitschaftsleiter, die ehrenamtlichen Angebote der Sozialarbeit, insbesondere im Bereich der Seniorenarbeit, seien vorbildlich und würden von der Bevölkerung sehr geschätzt. Dazu habe in den vergangenen acht Jahren Kreissozialleiterin Ilse Schmitz in hohem Maße beigetragen, die nicht mehr für dieses Amt kandidierte. In Folge der Wirtschaftskrise hätten die DRK-Angebote für sozial Schwache weiter an Bedeutung gewonnen. Die Armut habe bei der jüngeren Generation und vor allem bei Familien mit Kindern zugenommen. Daher würden vermehrt die Kleiderläden und der Herrenberger Tafelladen in Anspruch genommen. Im Tafelladen seien 62 Ehrenamtliche engagiert, die Zahl der Ehrenamtlichen in den Kleiderläden liege bei 33.
Erfreuliches Jugendrotkreuz
Sehr zufrieden zeigte sich Rainer Kegreiss darüber, daß Mitgliederzahlen und Leistungsumfang beim Jugendrotkreuz stabil geblieben seien. So engagierten sich rund 1000 Jugendliche in 52 Ortsvereinsgruppen und 27 Schulen.
Ein wichtiges Element in der Jugendrotkreuzarbeit seien zudem die Freizeiten und Zeltlager. Deshalb dürfe es zu keiner weiteren Kürzung der Finanzmittel im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit kommen.
Gabriele Vorreiter gewählt
Zur neuen Kreissozialleiterin wurde einstimmig Gabriele Vorreiter (Magstadt) gewählt. Die nächste Jahreshauptversammlung des DRK-Kreisverbandes Böblingen findet am 7. Oktober 2011 in Kuppingen statt.
Dr. Lorenz Menz, Präsident des DRK-Landesverbandes Baden-Württemberg, spendete dem KRK-Kreisverband Böblingen sowie dessen Vorsitzenden Michael Steindorfner großes Lob: "Sie sind ein mustergültiger Verband mit einem vorbildlichen Einsatz. Von Böblingen kann man lernen."
Großes Lob
Alfred Schmid, Sozialdezernent des Landkreises Böblingen, bescheinigte dem DRK-Kreisverband, hervorragende Arbeit zu leisten. Er würdigte in besonderem Maße das für die Gesellschaft wichtige soziale Engagement sowie die Pionierarbeit bei den Pflegeheimen. Kontinuierlich gebe es hier Bestnoten. Damit sei die Spitzenqualität der DRK-Heime seit Jahren sichtbar unterstrichen worden.
Bürgermeister Michael Lutz (Waldenbuch) übergab in einem mit Humor und Witz gespickten Grußwort ein Geschenk, das - natürlich - die "Schokoladenseite" der Stadt Waldenbuch beeinhaltete.
Und Carsten Moll, der Waldenbucher DRK-Ortsvereinsvorsitzende hielt schliesslich ein kurzes, prägnantes Grußwort. Zuvor schon hatte er sich mit seinem tüchtigen Team durch ein exzellentes "Waldenbucher Spezial-Buffett" mit italienischer Note empfohlen.











